Die sagenhafte Alhambra in Granada ist ein einzigartiges Zeugnis maurischer Baukunst. Auf einem markanten wie strategisch günstigen Bergrücken oberhalb der Stadt gelegen, präsentiert sich eine weitläufige Palastanlage voller einzigartiger Kulturschätze, die man nicht vergisst. Ein Spaziergang gleicht einer Zeitreise durch eine jahrhundertelange Kulturgeschichte von wehrhafter Militärarchitektur über filigrane Palasträume bis hin zu traumhaften Gartenanlagen.
Der älteste Teil der Anlage ist die Alcazaba, die militärische Zitadelle, die mit ihren massiven Mauern und Türmen am westlichen Rand des Bergrückens thront. Sie stammt ursprünglich aus dem 9. Jahrhundert, erhielt ihre heutige Erscheinung aber im Wesentlichen im 13. Jahrhundert. Von der Torre de la Vela, dem höchsten Turm der wuchtigen Verteidigungsanlage, bietet sich ein spektakulärer Rundblick über die Alhambra selbst, die Dächer des historischen Albaicín-Viertels und hinüber zu den Gipfeln der Sierra Nevada.
Was heute das Auge erfreut, erklärt, weshalb die Nasriden-Herrscher diesen Standort als Bollwerk für ihren Hofstaat wählten. Die Lage und der hervorragende Überblick boten bestmöglichen Schutz und waren somit Voraussetzung für die Anlage prachtvoller Palastbereiche, die heute zu den herausragenden Juwelen der Alhambra gehören. Die sogenannten Nasridenpaläste sind das künstlerische Herzstück des Komplexes und so gefragt, dass Besucher für den Zugang vorab ein Zeitfenster reservieren müssen.
Der Aufwand lohnt sich. Hinter einem eher unscheinbaren Äußeren zeigt sich eine Pracht, die in der islamischen Architektur und auch sonst weltweit ihresgleichen sucht. Drei eigenständige Bereiche – Mexuar, Comares-Palast und Löwenpalast – lassen Architektur, Licht und Wasser zu einer harmonischen Einheit verschmelzen, die sich in Worte nicht fassen lässt. Besonders staunenswert sind die kunstvollen Verzierungen von Wänden und Decken mit filigranen Kachelmosaiken sowie dekorativen Stuckelementen, die wie steingewordene Spitze wirken. Ihre Vollendung findet die architektonische Eleganz in den repräsentativen Höfen mit perfekter Symmetrie und prächtigen Reflexionen durch den geschickten Einsatz von Wasser. Vor allem den Löwenhof mit seinen 124 Säulen und dem berühmten Löwenbrunnen in der Mitte umgibt ein einzigartiger Zauber.
Direkt neben dieser Pracht voller Verspieltheit und Leichtigkeit vollzieht sich ein radikaler Stilbruch, der an den Einbau der Kathedrale in der Mezquita de Córdoba erinnert. Im 16. Jahrhundert ließ Kaiser Karl V. einen monumentalen Renaissance-Palast mitten in das maurische Ensemble setzen, um die christliche Macht zu demonstrieren. Hinter seiner wuchtigen Fassade birgt der Palast nicht nur das Museo de Bellas Artes, sondern eine architektonische Sensation. Sein Inneres bestimmt ein kreisrunder, zweistöckiger Säulenhof, der beispiellos in der spanischen Renaissance ist. Wie in der Mezquita auch, tragen die architektonischen Gegensätze zweier so unterschiedlicher Kulturen mit ihrer heutigen Eintracht zum besonderen Reiz der Alhambra bei.
Nicht minder faszinierend sind die Gärten, die das Zusammenspiel von Architektur und Natur auf kunstvolle Weise fortführen. Anlagen wie der Partal oder die Jardines del Paraiso mit Hecken, perfekt inszenierten Wasserspielen und akkuraten Formen zeigen die vollendete maurische Gartenbautradition. Faszinierender Höhepunkt dieser Kunstfertigkeit, der auf keiner Besichtigungstour fehlen sollte, ist der Generalife. Etwas abseits gelegen, repräsentiert der sommerliche Landsitz der Nasridenherrscher Ruhe und Sinnlichkeit.
Herzstück des Generalife ist der Patio de la Acequia, der eine beinahe meditative Atmosphäre ausstrahlt. Das langgestreckte Wasserbecken umgibt ein malerisches Ensemble aus Blumenbeeten und filigranen Arkaden. Spiegelungen, sanftes Plätschern und verspielte Fontänen setzen das allgegenwärtige Wasser meisterhaft in Szene und verleihen der Anlage eine unvergleichliche Frische. Dass das lebenswichtige Element hoch über Granada überhaupt so reichlich fließt, ist einer bemerkenswerten technischen Leistung zu verdanken. Ein ausgeklügeltes System von Kanälen leitet das kostbare Nass kilometerweit auf die Höhen der Alhambra und verteilt es hier.
All das macht die Alhambra zu einem der bezauberndsten Orte Spaniens und veranlasste die Unesco bereits im Jahr 1984, die gesamte Anlage als Weltkulturerbe zu würdigen. Das Interesse an diesem Ort ist enorm; die Alhambra zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Europas. So märchenhaft wie der Komplex selbst ist, so unbezahlbar ist der Anblick des gesamten Ensembles zum Tagesausklang von einem der Aussichtspunkte im historischen Albaicín. Das berühmteste Postkartenmotiv verspricht der Mirador de San Nicolás.
Spätestens hier erschließt sich dann auch eindrucksvoll, was es mit dem Namen der Alhambra (arabisch für „die Rote“) auf sich hat. Der rötliche Schimmer ihrer massiven Mauern, die besonders im Licht der untergehenden Sonne eine feierliche Pracht entfalten, ist unbeschreiblich.