Eingebettet in einen Talkessel, den schroffe Kalksteinfelsen einrahmen, bricht Grazalema mit dem Bild des sonnenverbrannten Andalusiens. Der Ort befindet sich in einer sattgrünen Oase, die das Weiß seiner Häuser umso intensiver erstrahlen lässt. Dieser Anblick, der Grazalema zu einem der außergewöhnlichsten unter den berühmten Weißen Dörfern Andalusiens macht, ist den zahlreichen Niederschlägen seiner Umgebung zu verdanken. Das Dorf gilt gar als der regenreichste Ort in ganz Spanien.

Hübsch anzusehen ist nicht nur das Ortspanorama von außerhalb wie etwa vom Mirador del Santo aus. Auch im Herzen von Grazalema finden sich viele Postkartenmotive. Besonders malerisch ist die Plaza de España direkt unterhalb der imposanten Felsenkulisse. Auf dem Hauptplatz zwischen dem Rathaus und der barocken Iglesia de la Aurora trifft man sich und geht es vor allem bei den wichtigsten Festen des Ortes hoch her. Im Juli halten beim Lunes del Toro de Cuerda Stiere, die an Seilen traditionell durch die Gassen geführt werden, das Publikum in Atem, während sich der Platz im Oktober bei der historischen Inszenierung „Sangre y Amor en la Sierra“ in ein Banditendorf des 19. Jahrhunderts verwandelt.

Hier lässt sich aber auch sonst das unverwechselbare Dorfleben so richtig auskosten. Und das sogar im Wortsinn, denn in den Gasthäusern werden nicht nur Spezialitäten, die die Küche Andalusiens allgemein zu bieten hat, aufgetischt, sondern mit dem preisgekrönten Queso Payoyo und der pikanten Sopa de Grazalema kulinarische Botschafter der Gegend.

Im Gegensatz zu diesen regionalen Köstlichkeiten erlangte Grazalema für seine hochwertigen Textilien Weltruf. Der Ort ist berühmt für seine als Mantas de Grazalema bekannten Wolldecken. Im 17. Jahrhundert erlebte das Dorf eine Blüte als Zentrum der Wollverarbeitung. Wenngleich von dieser glorreichen Zeit nur noch in Geschichtsbüchern zu lesen ist, knüpft der Familienbetrieb Artesanía Textil de Grazalema an die Tradition an. In der letzten aktiven Fabrik des Ortes entstehen auf historischen Maschinen Decken und Schals aus edler Merinowolle. Im zugehörigen Museum erfährt man mehr über die Tradition und den Herstellungsprozess.

Die guten Eigenschaften der Wolle wussten übrigens schon die alten Römer zu schätzen, und es wäre nicht verwunderlich, wenn sie die Wollweberei auch in Grazalema betrieben. Ein pittoreskes Relikt aus jener Zeit ist der römische Brunnen, auch bekannt als Fuente de los ocho Caños. Wenngleich im Laufe der Zeit umgestaltet, stammen die acht wasserspeienden Steinmasken vermutlich aus den Ruinen eines römischen Gebäudes in der Umgebung. Vor den Toren des Ortes erinnern auch die Reste eines antiken Aquäduktes (Acueducto Romano) an das römische Erbe.


Die Bergketten, die Grazalema umgeben und ihm sein regenreiches Mikroklima bescheren, sind reich an Naturschätzen. Die gesamte Region ringsum steht als Parque Natural Sierra de Grazalema unter Schutz. Unweit des Dorfes finden sich beliebte Wanderziele wie etwa der Pinsapar de Grazalema. Der seltene Wald aus Pinsapo-Tannen ist ein Relikt der Eiszeit und eine botanische Kostbarkeit. Hoch hinaus geht es auf dem El Torreón. Der mit 1.654 Metern höchste Punkt der Provinz Cádiz verspricht bei klarer Sicht ein spektakuläres Panorama. Als Basislager für Ausflüge ist Grazalema als Mittelpunkt des Naturparks wie geschaffen.