Mit dem historischen Kleinod Sacromonte zeigt sich Granada von seiner urigsten Seite. Das traditionelle Viertel erstreckt sich über die Hänge des Valparaíso-Hügels östlich des berühmten Albaicín und vereint raue Natur, Felsen mit traditionellen Wohnhöhlen und ein lebendiges Kulturerbe. Es gibt kaum einen besseren Ort, um archaische Schönheit, Tradition und Leidenschaft so unmittelbar zu spüren.

Die Geschichte des Sacromonte ist eng mit den Zigeunern verbunden, die sich hier ab dem 15. Jahrhundert im wahrsten Sinne des Wortes am Rande der Gesellschaft niederließen. Sie nutzten das vergleichsweise weiche Sedimentgestein des Hügels, um ihre Behausungen direkt in den Berg zu graben. Diese berühmten Höhlen (Cuevas) prägen das Bild des Viertels bis heute. Hinter den schlichten Fassaden verbergen sich oft überraschend geräumige Wohnungen, die nicht nur auf natürliche Weise klimatisiert sind, sondern allen modernen Komfort bieten.

Vom einstigen Außenseiterviertel hat sich der Sacromonte zu einer der angesagtesten Gegenden entwickelt, in der die renovierten Cuevas als exklusive und nachhaltige Wohnform geschätzt werden. Besucher können einige dieser Höhlen besichtigen, teils wurden sie sogar zu kompletten Museen ausgebaut, die das Leben und die Traditionen der angestammten Gitanos dokumentieren. Einen authentischen und umfassenden Überblick gewährt das Museo Cuevas del Sacromonte. Mancherorts bietet sich sogar die Möglichkeit, auf ganz ungewöhnliche Weise gleich die Nacht zu verbringen und die Faszination der Cuevas mit ihrem angenehmen Raumklima unmittelbar zu erfahren.

Doch das Sacromonte-Viertel ist weit mehr als ein architektonisches Kuriosum. Es ist das Herz des Flamenco. Hier entstand die Zambra, eine besonders urwüchsige und leidenschaftliche Tanz- und Gesangsform, die ihre Wurzeln in den maurischen Hochzeitsbräuchen hat. In den Abendstunden erwacht manche Höhle zu temperamentvollem Leben. Wenn tanzende Absätze rhythmisch auf dem harten Boden hallen und klagender Gesang durch die Gassen dringt, erlebt man ergreifende Momente tiefer Melancholie, die das Viertel seit Jahrhunderten prägt. Doch keine Bange – die Einheimischen sind ausgesprochen gastfreundlich, und es wird viel und herzlich gelacht.

Ein Besuch im Sacromonte lohnt sich aber auch wegen der ungewöhnlichen Perspektiven. Von den höher gelegenen Wegen bieten sich inmitten von Agaven und karger Vegetation epische Blicke auf die Alhambra. Aus größerer Höhe erkennt man nicht nur die vollständigen Dimensionen, sondern auch die strategische Lage oberhalb der Stadt.

In den Bergen über dem Viertel thront schließlich die Abadía del Sacromonte. Das Kloster wurde ab dem Jahr 1600 erbaut, nachdem man in den dortigen Höhlen vermeintliche Reliquien und die mysteriösen Bleibücher entdeckt hatte. Die Anlage besticht durch ihren malerischen Kreuzgang mit toskanischen Säulen und bietet einen beeindruckenden Ausblick über das Tal des Darro hinüber zur Alhambra.

Obwohl die Bleibücher (Libros Plúmbeos) später als Fälschungen entlarvt wurden, sind sie heute von unschätzbarem kulturhistorischem Wert. Sie dokumentieren den bemerkenswerten Versuch der Zeit nach der Reconquista, eine Brücke zwischen islamischer Tradition und christlichem Glauben zu schlagen. Nach jahrhundertelangem Verschluss im Vatikan sind die kunstvoll gravierten Bleitafeln seit dem Jahr 2000 wieder im Museum der Abtei zu bewundern.